„Aus dem Wege gehen“ dazu zwingt uns das Coronavirus. „Wenn ich mit meinem Rollator nach draußen gehe, habe ich bitteschön darauf zu achten, dass ich, Menschen die mir entgegenkommen aus dem Weg gehe oder sie mir auszuweichen haben.“ – Diese Worte beschreiben unser heutiges Leben. Christa hat mit ihrer Geschichte „Aus dem Wege gehen“ treffend beschrieben, was sich in unserer Gefühlswelt abspielt, wenn wir draußen Menschen begegnen.

(Bild von congerdesign auf Pixabay)

Aus dem Wege gehen

Hätte man mir vor ein paar Wochen prophezeit, ich würde mich freuen, wenn Leute, denen ich begegne, einen Bogen um mich machen oder ausweichen, hätte ich die- oder denjenigen für verrückt erklärt. Leider ist es jetzt bittere Wahrheit in der ersten Woche der angeordneten Kontaktbeschränkungen. Es gibt glücklicherweise keine Ausgangssperre. Wenn ich mit meinem Rollator nach draußen gehe, habe ich bitteschön darauf zu achten, dass ich, Menschen die mir entgegenkommen aus dem Weg gehe oder sie mir auszuweichen haben. Dabei sollte ein Mindestabstand von 1,5 bis 2 m gewahrt werden.  Zu Hause nachgemessen, habe ich festgestellt, dass dies ein relativ großer Abstand ist, der schlecht auf engen Bürgersteigen einzuhalten ist.  Da wir an einer Hauptstraße wohnen, könnte ich das nur gewährleisten, wenn mir eine Person oder zwei dicht nebeneinander herlaufende Menschen entgegenkommen, ansonsten müsste ich auf den Radweg ausweichen.  Manchmal lächelt man sich bei einer Begegnung verschämt an, so als wolle man sich entschuldigen, dass man einen Bogen um den anderen macht. Neulich im Park rief mir eine mir unbekannte Frau von weitem zu: “ Bleiben Sie gesund“!  Ich fand das sehr nett und entgegnete laut: “Sie auch!“
In übertragenem Sinn rücken Menschen schon näher zusammen und viele zeigen sich solidarisch.

Trotzdem ist alles surreal und skurril. Werte und Normen werden auf den Kopf gestellt. Eigentlich bedeutete für mich „Aus dem Wege gehen“, jemanden zu meiden, weil man aus irgendwelchen Gründen nichts mehr mit ihm/ihr zu tun haben will.
Auch die eigene Aufmerksamkeit hat sich verändert. Gestern sah ich auf meinem Weg zur Apotheke drei Menschen zusammenstehen, zwei Frauen und ein Mann.
Sie standen immer noch beieinander, als ich zurückkam. Dann umarmten sich die beiden Frauen, eine von ihnen stieg in das parkende Auto, während der Mann und die andere Frau weitergingen. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, diese drei Leute schon im Vorhinein zu verurteilen, obwohl ich gar nicht wusste, in welcher Beziehung sie zueinanderstanden.  Hätten sie sich nicht auch aus dem Wege gehen oder wenigstens 1,5 m Abstand halten müssen?
Da ich zur Risikogruppe gehöre, gehe ich viel weniger nach draußen, meide Besuche und kann meine Freundinnen auch nicht mehr in Cafés treffen. Seitdem schaue ich häufiger Fernsehen. Bei den Aufzeichnungen von Shows und aktuellen Filmen sehe ich Menschen, die sich umarmen oder dicht bei einander stehen bzw. sitzen. Ich werde dann ganz wehmütig und muss mir jedes Mal in Erinnerung rufen, dass jetzt alles ganz anders ist.
Trotzdem halte ich die derzeitigen Maßnahmen hier in Deutschland für sinnvoll und möchte andere und mich ermutigen:
Wahret den nötigen Abstand, so könnt ihr zu Helden werden und Leben retten!

Christa Borowski-Schmitt, März 2020